"Vom Träumen und Hoffen"

Psychotherapie und Seelsorge im Gespräch - eine öffentliche Vortragsveranstaltung


Bild: Patric Thomas, Klasse 2c, Grundschule: Am Langen Esch, Quakenbrück

Vor 100 Jahren erschien "Die Traumdeutung" von Sigmund Freud. Lange Zeit galt im Anschluß an diese - von Freud selbst als sehr bedeutungsvoll eingeschätzte -Veröffentlichung der Traum als via regia, das heißt als therapeutischer Königsweg ins Unbewußte. Anderweitige psychotherapeutische Verfahren ließen später jedoch das Interesse an dem Traum geringer werden - bis in jüngster Zeit durch Ergebnisse der empirischen Schlafforschung einige Grundannahmen aus der "Traumdeutung" wieder an Aktualität gewannen.

Der Traum als alternative Erlebensweise des Ichs zum Wachbewußtsein interessiert die Menschen allerdings schon seit Beginn ihrer Selbstreflexivität. Ängste, Hoffnungen, Problemlösungen und Erlösungserwartungen gehören zu den großen Traum-Themen. Grund genug, Psychotherapie und Seelsorge zu dem Leitthema "Träumen und Hoffen" in einen Dialog einzubinden.

Pressemeldung

Bersenbrücker Kreisblatt Dezember 2000

Träume: "Kreativwerkstätte" für körperlich-seelische Gesundheit
Vortragsreihe "Vom Träumen und Hoffen" im Christlichen Krankenhaus

Quakenbrück (zm)

In Träumen tauchen sie auf: Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Probleme - verfremdet, manchmal beängstigend, oft auch Lösungen bergend. Eine Art Psycho-Hygiene vielleicht, eine Kraft, die auch der Seelsorge zu eigen ist. Folgerichtig hatten sich Krankenhausseelsorge und die Abteilung Psychotherapeutische Medizin/Psychosomatik des Themas angenommen. "Vom Träumen und Hoffen" war eine weitere Folge in der Vortragsreihe "Dialogische Medizin" am Christlichen Krankenhaus überschrieben.

In Träumen tauchen sie auf: Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Probleme - verfremdet, manchmal beängstigend, oft auch Lösungen bergend. Eine Art Psycho-Hygiene vielleicht, eine Kraft, die auch der Seelsorge zu eigen ist. Folgerichtig hatten sich Krankenhausseelsorge und die Abteilung Psychotherapeutische Medizin/Psychosomatik des Themas angenommen. "Vom Träumen und Hoffen" war eine weitere Folge in der Vortragsreihe "Dialogische Medizin" am Christlichen Krankenhaus überschrieben.
In Träumen entfalten sich Hoffnungen und Wünsche, in Träumen begegnet uns das Transzendente, begegnet uns Gott, hoffen wir, ein Stück Antwort mit auf den Weg zu bekommen, bereitete Pastor Klaus Teckentrup einer interessierten Zuhörerschaft den Weg hinein in ein spannendes Thema.
"Hoffen wir das Beste", spann es Pastoralreferentin Luzia Zimmer weiter mit einer oft benutzten. Floskel. "Wir hoffen immer auf etwas Besseres, als die augenblickliche Situation es darstellt", schlug sie den Bogen zu dem Begriff Hoffnung, wie ihn Christen verstehen, Hoffnung als eine der drei christlichen Tugenden neben Glaube und Liebe. Glaube und Hoffnung, dass Christus der Welt sein Heil zukommen lasse, knüpfe an an eine Ursehnsucht der Menschen nach Glück, das auf dieser Erde nicht zu erfüllen sei. Christliche Hoffnung richte sich auf die Auferstehung als ein Geschenk Gottes, nicht als Ergebnis menschlichen Bemühens. Christen machten den Sinn ihres Lebens nicht abhängig von einzelnen Handlungen, sie sähen ihn in der Ausrichtung ihres Lebens auf Gott. "Deshalb können sie
hoffen auch in hoffnungslosen Situationen."
Ähnlich formulierte Diakonin Antje Junghans-Maurer. "Träume gehören zu unserem Leben. Ohne Hoffnungen und Träume können Menschen die oft harte Wirklichkeit nicht bestehen." In dem Augenblick, in dem Menschen den Boden unter den Füßen verlören, bekämen Träume für sie eine Bedeutung. Träume machten die Auseinandersetzung möglich -mit Situationen, mit sich selbst, mit anderen und mit Gott. "Frauen träumen Glauben" hatte Antje Junghans-Maurer ihren Vortrag überschrieben und als Beispiel aus der Bibel Hagar zitiert, eine Nebenfrau Abrahams. Frauen erzählten auch mehr von ihren Träumen, schilderte sie ihre Erfahrungen als Seelsorgerin. Für dieses Bedürfnis gelte es sensibel zu werden.

Christliche Hoffnung gilt der Auferstehung

Entscheidend sei es, zuzuhören, mitempfinden zu können - nicht immer sei eine Antwort erforderlich.
Inwieweit Träume eine Antwort geben können auf eigenes Unbegriffenes, Unbewältigtes, versuchte Dipl.-Psych. Rudolf Süsske dem Publikum nahezubringen. Er wanderte in seinem Vortrag sozusagen zwischen "Traum und Trauma" hin und her. Stimmen und Geräusche, Bilder und Szenerien in Träumen - wie absurd und verfremdet sie auch erschienen - seien Spuren, Versätzstücke aus der Lebensgeschichte. Sie repräsentierten ambivalente Gefühle, Konflikte, unbegreifbare Situationen und Einbrüche, Wünsche und Hoffnungen. Die Traumarbeit sei gleichsam das Handwerkszeug, mit dem diese Szenen und Problem-Konstellationen in eine Ordnung gebracht würden. Was es so schwer mache, diese Ordnung zu entziffern, sei der Reichtum der Verknüpfungen -von Elementen. Anders als im Wachzustand, verknüpften Träume alles, was sie bekommen könnten. Dabei bildeten Gefühle, emotionale Konflikte die Zentren, um die sich Szenen und Bilder versammelten. Ohne auf die Realität im Sinne der Handlungslogik oder der Raum-Zeit-Struktur zu achten, könne ein Gefühl der Trauer die verlorene Puppe der Kinderzeit mit dem Tod der Oma und dem Scheitern von Beziehungen in einer Traumszene "verdichten".
Das Trauma bedeute eine Ausnahmesituation. Das aus "Geschichten" gewirkte Koordinatensystem, das Erfahrungsmuster von Gefühl und Verstand, gleiche 'einer Melodie. Nun gebe es aber Einbrüche, Verletzungen oder Enttäuschungen (sexueller Missbrauch, physische Gewalt, Geiselnahme,. Brandkatastrophe), die die Melodie gänzlich unhörbar machten. Für ein Kind zum Beispiel seien die Eltern Quelle seines Selbst- und Weltvertrauens. Alle Gefühle, alle Erfahrungen würden in dieses Koordinatensystem eingeordnet. Gewalt jeglicher Art könne diesen Lebensgrund bedrohen, stürze auf das Kind ein, ohne dass es ihr einen Sinn zuordnen könne, so dass es erträglicher erscheine, sich selbst als die "Störung" der Ordnung zu verstehen. Das spätere Leben bestehe dann vornehmlich darin, eine neue Melodie zu finden oder die alte wiederzufinden. Albträume Traumatisierter, in denen sich das Trauma wiederhole, spiegelten immer auch den Wunsch wider, die Erfahrung möge anders verlaufen.
Weniger um persönliche als um gesellschaftlich relevante Träume, Visionen, geht es in den "Hoffnungsträumen des Alten Testamentes", derer sich Klinikpfarrer Reiner Hertzfeld angenommen hatte. Israels religiöse Geschichte sei von seiner politischen Geschichte nicht zu trennen. Insofern hätten in der Bibel auftauchende Träume und Visionen von Menschen am Wendepunkt einer Gesellschaft immer auch einen sozialpolitischen Hintergrund. Gott offenbare sich dem Träumer, der auf diese Weise als Bindeglied diene zwischen Gott und seinem Volk, das sich von ihm entfernt habe. "Hoffnungsträume" als ein Hinweis darauf, wie Gott zu suchen und zu finden sei.
In ogewisser Weise auch ein Weg, zu sich selbst zu finden. Als "Kreativwerkstätte für körperliche und seelische Gesundheit" wollte Dr. Eckhard Schiffer, Chefarzt der veranstaltenden Abteilung, Träume verstanden wissen. Im Traum, so der Arzt und Therapeut, könne Neues geschehen, könne alles das passieren, was man sonst nicht könne, wolle oder dürfe. Es seien aber nicht nur die verpönten, verbotenen Wünsche, Impulse und Gedanken, die sich - meist "verkleidet" - zeigten. Man begegne im Traum
vielen neuen Ideen und Impulsen. Sinnzusammenhänge seien durch Verdichtung (eine Person kann die Eigenschaft von zwei anderen zeigen), Verschiebung (Hut steht für Vater] oder assoziative Verknüpfung (Unauffälliges erweist sich als bedeutsam) bestimmt. Alles das diene dazu, dass man das Aufsässige, Anstößige, Unerlaubte und Unmoralische in Traum in verkleideter Form ab handeln könne und zwar ohne dass dadurch der innere Zensor; - "mit Idealvorstellungen vor uns selbst" - das Gewissen zu \ sehr aufgeschreckt werde. Mi 70 Jahren habe man, zusammengerechnet, sechs Jahn lang hintereinander geträumt Dies müsse einen Sinn haben.

Trauma bedeutet Ausnahmesituation

"Wir träumen, ob wir wollen oder nicht", so der Arzt um Therapeut, "und Träume helfen uns, das zu verarbeiten was wir als konflikthaft, als schwierig und bedrohlich erleben." In der Regel könnten Menschen diese Aufgaben mit Hilfe ihrer Träume meistern, so wie das Immunsystem in de Regel mit den ankommender Keimen fertig werde. Manch mal seien sowohl Träume wie Immunsystem überfordert Dann brauche man Hilfe vor außen - hinsichtlich des Immunsystems vielleicht ein Antibiotikum, bezüglich der Träume einen hilfreichen Dialog.
Nachtträume seien zu er ganzen und zu fördern durch Tagträume. Beide hätten vieles gemeinsam, man müsse ihnen nur Raum geben, um gesund zu bleiben. Menschen die' zu wenig träumten, derer Träumen unterbunden werde würden krank, wie schreckliche Experimente bewiesen hätten.
"Wir können also Träume fördern, indem wir auf den täglichen Alkoholkonsum verzichten und indem wir unseren eigenen inneren Bildern Raum geben und nicht durch Fremdbilder oder Medien über- fluten lassen", so Schiffer. Mi der Gute-Nacht-Geschichte könnten Eltern ihren Kindern helfen, Affekte zu "verdauen" zu entgiften. In der Gute Nacht-Geschichte-Situation entstünden darüber hinaus Tagträume, In der Mutter oder Vater an der Welt des Kindes teilnehmen kann.

 

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