SPIEL HÄLT GESUND

Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde: Selbstwertgefühl und Lebenskompetenz aus den spielerisch-dialogischen Intermediärräumen

An einem sommerlichen Montagmorgen stehen Sie - nicht alkoholisiert - an einer Bushaltestelle. Sie aktivieren Ihr Dopamin-Belohnungssystem, indem Sie nicht den MP3-Player einschalten, sondern laut und freudig singen: "Geh aus mein Herz ..." Neben den diagnostischen Erwägungen seitens der Mitwartenden werden Sie vermutlich auch noch ein allgemeines Peinlichkeitsgefühl auslösen. Anders hingegen die Reaktion noch im Grundschulunterricht meiner Frau, in dem diese gerade ein neues Lied einübt. Die kleine Sonja meldet sich: "Das Lied kenne ich schon aus dem Kindergarten. Soll ich es mal vorsingen?" " Oh ja, gern!" Die anderen Kinder hören aufmerksam und anerkennend zu. Keine hämische Bemerkung, niemand lacht.
Ein stabiles Selbstwertgefühl und eine sichere Identität - Identität als Antwort auf die Frage: "Wer bin ich?" - entfalten sich in den Intermediärräumen des Spielens und des Dialoges (Winnicott 1979, Bohleber 1999), also da, wo man uns wahrnimmt, wenn wir etwas erzählen oder wir uns spielerisch-schöpferisch entfalten, dabei die Welt und uns darin erfahren und erproben. Aus der Säuglingsforschung wissen wir dazu, "dass nicht nur Trieb- und Körperlust, sondern auch Entdeckerlust und das Gefühl, in der Außenwelt sinnvolle Zusammenhänge bewirken und erkennen zu können, zentrale Motivatoren von Lebensbeginn an sind" (Dornes 1993).

Indem Kinder sich in den spielerisch-dialogischen Intermediärräumen entfalten, sind sie allerdings auch besonders verwundbar, wenn sie dabei be- und entwertet oder ignoriert und damit gleichfalls entwertet werden. Leider passiert das viel zu oft. Zum Beispiel dem Kind, das seine emotional-bedeutsame "Geschichte vom Tage" erzählen will und auf mediengefesselte Erwachsene trifft, die dem Bericht kein Gehör schenken; dem Kind, das ein Bild zeigt und hört "so sieht ein Pferd aber nicht aus" oder ein Lied singt und einen abweisenden Gesichtsausdruck registriert, weil das spontane Singen ohrenscheinlich peinlicher als eine sexuelle Bemerkung erlebt wird. Umgekehrt und salutogenetisch formuliert: Je mehr und je freier sich Kinder in den spielerisch-dialogischen Intermediärräumen entfalten können, desto sicherer, eigensinniger und weniger leicht beschämbar werden sie.

Es ist hierfür kein inflationäres Lob des Produktes notwendig. Vielmehr reicht es, wenn beispielsweise die Eltern oder die Peer Group das schöpferische Handeln selbst, seinen Prozess, wahrnehmend gelegentlich sinngemäß sagen: "Schön, dass du so gerne malst" und die Bilder nicht nur flüchtig, sondern aufmerksam betrachten. Denn ein Bild ist das Kind - ebenso das Lied, der Purzelbaum, der Aufsatz, das Hüpfen, Tanzen, Turnen, Klettern, Basteln, Erzählen. Kinder sind bis in die Pubertät mit ihren kreativen Darstellungen - die sowohl den schöpferischen Prozess als auch das Produkt mit einschließen - identifiziert.

Darin liegt zugleich die salutogenetische Chance: Wohlwollend wahrgenommene schöpferische Aktivität fördert ein starkes Kohärenz- und Selbstwertgefühl verbunden mit einer sicheren Identität. Rauschmittel mit ihrer Beschämungslöslichkeit - siehe Eingangszitat - sind dann nicht mehr zwingend notwendig.

Je mehr nun Kinder spielend mit allen Sinnen die Welt erproben und erfahren, je mehr affektusensomotorische Erfahrungen sie also dabei machen, desto besser werden die neuronalen Verknüpfungen als neurobiologische Grundlage von Kompetenzentfaltung organisiert. Aber nicht nur das: Diese leibhaftige, affektusensomotorische Welterfahrung aus dem Spielen heraus kann sich als - verinnerlichte - Szene mit allen Sinnesqualitäten über ein inneres Bild darstellen (Soldt 2006). Die Lebendigkeit unseres Denkens speist sich aus diesen Bildern, die unsere vormaligen Sinneserfahrungen in jeweiligen Kontexten aktuell vergegenwärtigen. Indem dialogisch diese inneren Bilder mit Begriffen verknüpft werden, entsteht eine lebendige Fantasie. Diese ermöglicht ihrerseits ein reiches Innenleben, das keiner ständig neuen äußeren Reize und Sensationen bedarf, um etwas zu erleben. Fantasie lässt zaubern! Ein solches Spielen vermittelt darüber hinaus das Erleben von Autonomie und Identität. Gleichzeitig werden die Kompetenzen des Kindes auf Grund der zunehmenden Anforderungsstrukturen in den Spielsituationen gefördert. Schon vor Jahrzehnten beschrieb der Schweizer Psychologe und Pädagoge Hans Zulliger, wie schwerkranke und gestörte Kinder gesund wurden, "bloß indem sie spielten".

Darüber hinaus bedeutet ein solches Spielen in der Gruppe mit ihrer Haltefunktion auch dann noch Freude am Spielen haben zu können, wenn ich dabei desillusioniert werde, das heißt erlebe, dass die anderen schneller laufen oder schwimmen, besser klettern, gewandter mit dem Ball umgehen oder sich besser ausdrücken können. Die intrinsisch begründete Lust auf Welt (s. Dornes) bleibt innerhalb solcher Spielerfahrungen trotz Enttäuschungen erhalten. Ich bedarf dann nicht zwingend der Suchtmittel und -handlungen, um Enttäuschungen zu verkraften oder um "kicks" zu erleben.

In einer Untersuchung zum Therapieverlauf bei Magersucht weist Deter (1989) darauf hin, dass gesundete frühere Anorexiepatienten im Unterschied zur Krankheitsphase eine intensive Vorliebe für das Spielen zeigen konnten. Leider wird das freie und spontane Spielen "auf der Straße" immer mehr verdrängt. Jüngere Kinder finden kaum noch Räume, um so spontan wie beispielsweise Huckleberry Finn mit ihrer Peer Group spielen zu können. Oder die Kinder verpassen sich selber Stubenarrest, werden von den Medien - Fernseher, Spielkonsole, Computer - auf ihren Stühlen gefesselt.

Hier sind Eltern, Erzieher und Erzieherinnen sowie Lehrkräfte präventiv gefordert, die virtuellen Räume zumindest vorübergehend zu verschließen und salutogenetische Intermediärräume eröffnen zu helfen. Konkrete Empfehlungen gibt es hierzu auf dem kostenlosen Plakat des Beltz-Verlages: "Nehmen Sie sich Zeit ...", (2005).

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist das Leitthema der 16. Niedersächsischen Suchtkonferenz (2004): "Paradigmenwechsel in der Sucht - nicht: Was macht uns krank, sondern: Was hält uns gesund".

Literaturverzeichnis

  • Bohleber, W. (1992): Identität und Selbst. Psyche - Z Psychoanal, 46, 336 - 365.
  • Bohleber, W. (1999): Psychoanalyse, Adoleszenz und das Problem der Identität. Psyche - Z Psychoanal, 53, 507 - 529.
  • Deter, H.-C. u. a. (1989): Differenzierung der Langzeitwirkungen einer stationären psychosomatischen Therapie von Anorexia-nervosa-Patienten. Zsch. Psychosom. Med. 35, 68 - 91.
  • Dornes, M. (1993): Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt/M.: Fischer.
  • Schiffer, E. (1993/1997): Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde. Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen. Weinheim und Basel: Beltz.
  • Schiffer, E. (2001): Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung. Weinheim und Basel: Beltz.
  • Schiffer, E. (2004): Prävention und Salutogenese. In: Berichte zur Suchtkrankenhilfe aus dem Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit: Paradigmenwechsel in der Sucht - nicht: was macht uns krank, sondern: was hält uns gesund. XVI. Niedersächsische Suchtkonferenz am 9. September 2004.
  • Schiffer, E. & Schiffer, H. (2004): LernGesundheit. Lebensfreude und Lernfreude in der Schule und anderswo. Weinheim und Basel: Beltz.
  • Soldt, P. (2006): Bildliches Denken. Zum Verhältnis von Anschauung, Bewusstsein und Unbewusstem. Psyche - Z Psychoanal 60, 2006, 543 - 572.
  • Winnicott, W. D. (1979): Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta. Zulliger, H. (1979): Heilende Kräfte im kindlichen Spiel. Frankfurt/M.: Fischer.

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