In der Ökonomisierung Herzensbildung bewahren

m Quakenbrück/Stapelfeld. Die Würde des Menschen aus philosophischer, theologischer und medizinischer Sicht: ein ebenso vielschichtiges wie spannendes Thema, das viele Zuhörer in die Katholische Akademie Stapelfeld geführt hatte. Auch aus Quakenbrück und dem Artland. Den "ärztlichen Blick auf das Menschsein" nämlich warf Dr. Eckhard Schiffer, ehemaliger Chefarzt der Abteilung Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik am Christlichen Krankenhaus Quakenbrück.

Am Beispiel der Diskussion über das Gesundheits- und Sozialwesen, die zunehmend beschränkt werde auf Rationalisierungsreserven und Kostenreduzierung, schilderte der Arzt und Autor den Verlust von Würde.

Menschen würden nicht mehr als Menschen, sondern nur noch reduziert auf ihre Funktion wahrgenommen: als "Kunde, Konsument, Kostenfaktor, Dienstleistungserbringer, Steuerzahler, Krankengeld- oder Rentenempfänger". Eine solche Sprache sei, wie die damit verbundene Denkweise, gewalttätig, indem sie aus Patienten ein "ökonomisches Objekt" mache, Einfühlung und Nähe verhindere.

Gerade die einfühlsame und damit gewaltfreie dialogische Begegnung von Mensch zu Mensch aber - die Fähigkeit des Mentalisierens - sei Voraussetzung für die Bewahrung menschlicher Würde.

Mentalisieren: Darunter versteht die Psychotherapieforschung die Fähigkeit, sich auf Gefühle, Wünsche, Absichten und Gedanken in sich selbst, aber auch im anderen beziehen und dabei bedenken zu können, dass die eigene innere Verfassung sich von der des anderen unterscheiden kann. Es ist sozusagen die "Fortschreibung" von Empathie.

Dialogischer Prozess

Empathie meint die allgemeine Fähigkeit, Signale eines "Du" wahrzunehmen und feinfühlig darauf zu reagieren - die Mutter spürt intuitiv, was das Kind braucht (Trost zum Beispiel), und kann ebenso intuitiv darauf reagieren. Es ist gleichsam eine "dialogische Kurzgeschichte".

Mentalisieren dagegen meint einen dialogischen Prozess "in Fortsetzung der empathischen Reaktion". In diesem Prozess erfährt das Kind etwas von sich (ich bin tröstbar) und von der Mutter (sie sieht mein Bedürfnis, getröstet zu werden, und kann trösten). Es geht hier - dem Eindruck der Autorin des Artikels nach - durchaus um das, was mit Herzensbildung gemeint ist.

Eine der wesentlichsten Voraussetzungen, die Fähigkeit des Mentalisierens schon im Kindesalter (primär) zu entwickeln, sei, so der Referent, "eine sichere Bindung". Bindungspersonen seien in der Regel die Eltern, es könnten aber auch die Großeltern, Pflegeeltern oder ältere Geschwister sein, im Erwachsenenalter (sekundär) auch Therapeuten. Dieser Weg im Erwachsenenalter sei schwierig, aber nicht unmöglich.

Eine sichere Bindung entstehe primär, wenn eine Bezugsperson das Kind liebevoll wahrnehmen und sich feinfühlig auf dessen Bedürfnisse einstellen könne - und das vom ersten Lebenstag an.

Menschen, die als Kinder selbst in dieser Weise wahrgenommen worden seien und eine sichere Bindung hätten entwickeln können, könnten dies dann auch aus ihrem impliziten Beziehungswissen heraus anderen Menschen gegenüber verwirklichen.

Kinder, die vernachlässigt oder kaum wahrgenommen worden seien oder Gewalt und Chaos erfahren hätten, seien in ihrer Mentalisierungsfähigkeit stark eingeschränkt. Das gelte vermutlich auch für sehr wechselhafte Bindungserfahrungen. Testpsychologische Untersuchungen bei gewalttätigen Jugendlichen hätten gezeigt, dass die Fähigkeit zu mentalisieren kaum oder gar nicht vorhanden ist.

Deutliche Veränderung

In der Regel sei sie mit 20 Jahren ausreichend ausgebildet. Es sei das Alter, in dem das Stirnhirn mit seiner "Ethikabteilung" ausreichend mit dem Gesamthirn verknüpft sei und in dem man früher jungen Menschen "Reife" zugebilligt habe. Heute werde Reife schon angenommen, wenn ein junger Mensch Wissen zur Förderung des Wirtschaftswachstums in sich hineinstopfen könne, ohne zusammenzubrechen. Letztlich, so der Arzt und Autor, "auch ein würdeloser Umgang mit der körperlich und seelischen Verfasstheit junger Menschen".

Dass Kinder nicht ausreichend wahrgenommen würden, ereigne sich leider immer mehr auch in äußerlich scheinbar intakten Familien und sei verbunden mit Sprachstörungen und auch einer Schwäche oder Unfähigkeit, zuhören zu können. Hier sei in unserer Gesellschaft in den letzten 20 bis 30 Jahren eine deutliche Veränderung festzustellen.

Dafür gebe es möglicherweise vielfältige Gründe: Eltern, die, selber unsicher gebunden, das Mentalisieren nicht erlernt hätten und daher auch nicht an ihre Kinder weitergeben könnten. Überforderte Eltern, die beide zu unregelmäßigen Zeiten oft bis spätabends oder in die Nacht arbeiten müssten, um ihren Mindestlebensstandard aufrechterhalten zu können, oder den Standard, auf den sie meinen, nicht verzichten zu können. Überforderte Alleinerziehende, bei denen nicht die Großeltern mit einspringen könnten, oder Patchwork-Familien, in denen der neue Partner kaum Interesse für die Kinder aus den vorherigen Beziehungen seiner Partnerin habe. Und nicht zuletzt die Besetzung der bürgerlichen Welt durch die bildgebenden Medien.

"Erschlag-Wort"

Eine besondere Form deformierter Wahrnehmung des Kindes bestehe darin, Wünsche, Absichten, Talente, Begabungen und Interessen des Kindes nicht so wahrzunehmen, wie es dem Kind guttue, sondern ihm aufgezwungen werde, was den Eltern wichtig erscheine, Chinesisch zu lernen im Kindergarten zum Beispiel.

Auf diese Weise entstehe ein falsches Selbst, das, insbesondere in Krisensituationen, ein Einfühlen kaum zulasse, weil der eigenen Selbstwerdung mit wenig Einfühlsamkeit begegnet worden sei.

Ein Schlagwort der Gegenwart heißt Kompetenz. Ohne Herzensbildung wird es zum Erschlag-Wort.