"Gesundheit in der Nachbarschaft des Todes"

Gesundheit in der Nachbarschaft des Todes

In unserem Alltagsbewußtsein mit seinen Abwehrstrukturen betrifft der Tod eigentümlich "unkonkrete" Menschen. Es sei denn unsere Abwehrstrukturen werden plötzlich durch Ereignisse wie die vom l t. September dieses Jahres erschüttert oder der Tod betrifft unseren nächsten Angehörigen.

Für sein Konzept von Gesundheit (Salutogenese) fordert Aaron Antonovsky ein Hineinnehmen des Todes als einen "persönlichen Tod" in das Bewußtsein: das, was mir Sinn gibt und das Lebenwert macht, mich auch schwere Belastungen ertragen läßt ohne zu verzweifeln - mich also auf Dauer gesund bleiben läßt - erkenne ich erst, wenn ich mich zumindest blitzlichtartig mit der Begrenztheit meines Lebens vertraut mache. In dem ersten und zweiten Vortrag sollen konkrete Situationen angesprochen werden, in denen nicht nur ärztliches Handeln in der Nachbarschaft des Todes erforderlich ist, sondern auch eine dialogische Reflexion, wie weit der Tod als "persönlicher Tod" bewußtseinsnotwendig bzw. - fähig ist oder nicht.

Mit dem Hineinnehmen eines solchen "persönlichen" Todes in mein Bewußtsein wird allerdings auch die Distanz zwischen (mir als) dem Arzt / Therapeuten / Pflegenden / Seelsorger und (dir als) dem Gegenüber verändert - und umgekehrt natürlich genauso. Im ärztlichen Denken ist der Tod zunächst der "natürliche Gegner". Im Salutogenesekonzept Antonovskys verschiebt sich jedoch diese Zuordnung gerade auch im Hinblick auf die Sterbebegleitung im Sinne einer Hospizbewegung sowie einer Palliativmedizin. Dies kann in der Paradoxie gipfeln, das erstmals im Sterben Gesundheit erlebt wird. Allerdings - was ist Gesundheit und wie manipulierbar ist sie? Unter dieser Fragestellung sollen dann auch Fragen der Präimplantations- und Pränataldiagnostik bzw. mögliche Konsequenzen daraus in die Diskussion mit hineingenommen werden.

Pressemeldung

Bersenbrücker Kreisblatt vom 01.12.01

Tod als Teil des Lebens begreifen
Symposium im Christlichen Krankenhaus - Schwieriges Thema vor vollem Haus
Quakenbrück (zm)

Todesanzeigen in der Tageszeitung: Für viele Leser gehören sie zum Frühstück wie die Tasse Kaffee und das morgendliche Brötchen. Und dennoch: Kaum ein Thema wird aus dem Alltag so verdrängt wie der Tod. Sehr präsent machte ihn jetzt ein Symposium im Christlichen Krankenhaus, überschrieben: "Gesundheit in der Nachbarschaft des Todes".

Im Dialog: Medizin und Öffentlichkeit der Abteilung

Wie gehen Eltern damit um, wenn sie ihr Kind bereits vor oder bei der Geburt verlieren? Wie können Menschen in Würde sterben? Sind wir In der Lage, gesund mit dem Bewusstsein um unseren Tod zu leben? Fragen, die Menschen aus ihrem Bewusstsein drängen wie Friedhöfe an den Rand der Stadt. Aufgegriffen wurden sie in den Referaten von Dr. Arlane Bodenstab, Gynäkologin am St.-Josefs-Hospital in Cloppenburg, Dr. Bernhard Birmes, Chefarzt Anästhesie und Intensivroedizin am Christlichen Krankenhaus, und Dr. Eckhard Schiffer, Chefarzt der veranstaltenden Abteilung Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik, ebenfalls am Quakenbrücker Haus. Ausgehend von konkreten Situationen, ließen sie die Zuhörer teilhaben an ihren Erfahrungen mit Tod, mit Sterbenden. Und mit den Referenten dürfte eine aufgeschlossene und diskussionsfreudige Zuhörerschaft zu dem Schluss gekommen sein: Tod gehört zum Leben und verliert umso eher den ihm anhaftenden Schrecken, )'e offener man sich dem Gedanken an ihn stellt und je selbstverständlicher man Ihn akzeptierend In das eigene Leben Integriert.

Ohne Schmerzen den Tod in Würde leben

Das bedeutet für Eltern, die ein Kind bei oder schon vor der Geburt verlieren, dass sie es auf Ihren Wunsch hin noch einmal im Arm halten, sich von Ihm verabschieden können, dass sie es taufen lassen und beerdigen können. Das Kind und sein Tod werden konkret. Eltern erleben auf diese Weise, dass, wie Chefarzt Dr. Feldmann es formulierte, "der Abschied von einem konkreten Kind leichter ist als von einer Vorstellung". Man habe In Cloppenburg mit diesem Konzept gute Erfahrungen gemacht. Und, so fügte Dr. Schiffer hinzu, man werde damit der Tatsache gerecht, dass Mütter heute bereit seien, sich schon sehr früh auf eine Beziehung zu Ihrem Kind einzulassen und auch bei einem frühen Verlust die Hilfe bekämen, die sie dringend brauchten.

Fehlende Mittel erschweren die Hilfe

Allerdings werde diese Hilfe, auch wenn Ärzte und Pflegepersonal deren Notwendigkeit erkannt hätten, erschwert durch die fehlende Bereitschaft, entsprechende Mittel bereitzustellen. Ein Problem, mit dem, wie Dr. Bernhard Birmes erläuterte, auch die Palliativmedizin kämpft. Dabei handelt es sich um die Integration der Hospiz-Idee In die Medizin, allerdings mit dem Schwerpunkt auf der medizinischen Betreuung. Hauptziel der Palliativmedizin ist es, Patienten mit einer begrenzten Lebenserwartung zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. Dies vor allem mit Hilfe der Schmerztherapie. Palliativmedizinische Betreuung sei stationär, teilstationär, aber auch ambulant erfolgreich möglich, wie ein wissenschaftlich betreutes Modellprojekt im Göttinger Raum gezeigt habe.
Der Wunsch vieler Patienten, nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause zu sterben, sei damit möglich geworden. Außerdem habe sich gezeigt, dass bei einer optimalen pallativmedizinischen Betreuung auch schwerstkranke Patienten nicht den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe geäußert hätten. Allerdings drohe auch dieses von allen Beteiligten als positiv empfundene Projekt "Support" an der nicht gesicherten Nachfolgefinanzierung zu scheitern, bedauerte der Arzt.
Ausgehend vom Salutogenesekonzept Aaron Antonovskys versuchte Dr. Eckhard Schiffer, sich einer Antwort auf die Frage zu nähern, ob Menschen mit dem Bewusstsein um den eigenen Tod leben könnten. Als tiefgläubiger Jude habe Antonovsky die Antwort gegeben, dass "di zumindest blitzlichthaft. Wahrnehmung der Begrenztheit" des eigenen Leben Menschen besser zu unter scheiden helfe, was sich für sie auf Dauer als sinnvoll er weisen könne. Sinnhaftigkeit aber sei nach Antonovsky die bedeutendste Komponente des für Gesundheit entscheidenden Kohärenzgefühls Grundlegend wiederum für die Sinnfindung seien spielerisch-schöpferisches Gestalten und Dialog.
Beides helfe, die Fülle des Lebens in ein erfülltes Leber hineinzubergen. Die schöpferische Lebendigkeit, die man in Spiel und Dialog verspüre, lasse die Gewissheit des Todes besser ertragen.
Befehlshafte innere Stimmen aber, die die Freiheit des Dialoges und des Spiels nicht kennten, töteten die Lebensfülle, ließen die Nähe des Todes unerträglich werden, müssten diesen aus dem Bewusstsein verbannen.

 

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