Phantasie statt Vorzeige-Aktivität

Westfälische Nachrichten, 23.09.1996
Von Birgit Klostermann

Münster.
Huckleberry Finn war alles andere denn ein Musterknabe. Faul, verwahrlost und ohne Bleibe galt er eher als Bürgerschreck. Man könnte meinen, daß Huck Finn in seinem späteren Leben suchtgefährdet sei. Aber dem ist nicht so. Denn Huck Finn hat eine lebendige, innere Phantasie, weil er die Welt nach seinen Sinnen erlebt, erspielt und ausprobiert hat. Davon entfernt sich heute zusehends Kindsein in eine sich über Leistung definierende Gesellschaft. Zu früh bricht in die kindliche Erlebniswelt die Last des Leistungsdrucks ein. Anstelle von spielerischem Erleben, Phantasie und Träumereien treten ehrgeizige und eifrige Vorzeige-Aktivitäten, eng eingeschnürt im Korsett "Terminstreß".

Eckhard Schiffer, leitender Arzt der Abteilung für Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik des christlichen Krankenhauses Quakenbrück, beschreibt in seinem Buch "Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde" einfühlsam Wege, die in die Sucht führen und zeigt Möglichkeiten der Suchtvorbeugung und Therapie auf. Den Leser erwartet Keine Konfrontation mit statistischem Zahlenwerk, sondern Geschichten aus dem Leben. Für jeden Laien menschlich nachvollziehbar. Eigene Betroffenheit und der Blick in den gesellschaftlichen Spiegel lassen dieses Buch zu dem werden, was es ist: Eine Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen. Mit Mut zur Phantasie und Wertschätzung des individuellen Eigensinns.

"Suchtproblematik gibtes wahrscheinlich schon seit Menschengedenken. Seit 200 Jahren wird Suchtverhalten erforscht," so Eckhard Schiffer gegenüber unserer Zeitung. Mit dem gesellschaftlichen Wandel, ändere sich auch das Bild der Sucht. Sucht habe viele Gesichter und ebenso viele Gründe.

Nachdenklich aber stimme, daß Suchtverhalten mehr und mehr im Kindes und Jugendalter Fuß fasse. Kindliche Eigenkreativität und schöpferisches Gestalten würden zusehends verkümmern, sagt der Präventionsexperte. "Zurück bleiben innere Leere, Ode und Monotonie." Alles Gefühle, die niemand sonderlich liebt, mit denen umzugehen nicht jedem gelingt.

Die enorme Leistungsanforderung an Kinder und Jugendliche, das Funktionieren müssen, das sich Definieren über Noten und Zahlen frei nach dem Motto "Nur wer leistet, ist wer", baue Spannungen auf, denen kein Ventil mehr zur Verfügung stehe. Und um eben diese Spannung "zuzuschütten", zu überdröhnen, sei der Griff nach Suchtmitteln nicht selten.

Sucht "made in Germany" erweise sich zunehmend als ein Problem. Auf solch ein Qualitätssiegel könne freilich niemand stolz sein. Zeitmanagement und Leistungshierarchie im Kindes- und Jugendalter seien Gift für schöpferisches Handeln und Kreativität. Diese Sichtweise setze sich mehr und mehr durch.

Grund genug, gegenzusteuern, denn Sucht kann eine Konsequenz sein. Huckleberry Finn indes braucht sich vor Sucht nicht zu fürchten. Denn dank seines Eigensinns und seiner lebendigen Phantasie ist er quasi immun gegen süchtiges Verhalten.

Schiffer, E.: "Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde"
1999 Beltz Verlag, Weinheim.Basel
152 Seiten, Euro 10
ISBN 3-407-22004-9

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