Auf der Suche nach Abenteuern

4/98 spielen und lernen
Von Detlef Berentzen

Das Leben, in das unsere Kinder hineingeboren werden, ist berechenbar, planbar, geebnet. Abenteuer und spannende Erlebnisse finden in virtuellen Welten und auf dem Fernseh-Bildschirm statt. Die Kinder, hungrig nach Leben und gefühlten Erfahrungen, werden nicht satt. Ihre Sehnsucht braucht Nahrung.

Es war ja auch ein schönes, faules und lustiges Leben, so den ganzen Tag mit Rauchen und Fischen zu verbringen, weit entfernt von Büchern Schwierigkeiten... Meine Kleider waren bald verdreckt und zerlumpt, und ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich es bei der Witwe hatte ausholten können, wo ich mich waschen . mußte, nur vom Teller essen durfte und daran gewöhnt war, mich regelmäßig zu kämmen, zur Zeit ins Bett zu gehen und ebenso pünktlich wieder aufzustehen. (Mark Twain: "Tom Sawyer und Huckleberry Finn").

Was für ein Leben! Waren Tom Sawyer und Huckleberry Finn nicht Figuren, mit denen man sich als Kind gut zu identifizieren wußte?
Alle Versuche, Huck zu "retten", zu zivilisieren, schlagen fehl. Nicht nur, weil sein Vater da nicht mitmacht, sondern weil der ungestüme Junge gar keine Lust hat, sich auf die Langeweile eines geordneten Lebens einzulassen. Lieber bleibt er der Bürgerschreck, hält sich den Prügel-Vater - so gut es eben geht - auf Distanz und lebt sein Leben. Gegen die Norm. Mark Twains Held spielt allemal, trotz aller Widrigkeiten, sein Spiel, erlebt seine Abenteuer. Huckleberry zeigt Phantasie, Kreativität, handelt schöpferisch, erfindet seine eigenen Auswege, ist ein Re-3011. Der Junge ist noch nicht domestiziert, noch nicht eingeschworen auf die Ordnung der Erwachsenen.

Das Bemerkenswerte aber an der Kunstfigur Huck ist, daß er die in uns allen vorhandene Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Abenteuer auslebt - beides können die Kinder heute kaum noch erfahren.

Unsere Zivilisation hat einen Grad von Kontrolle und Enge erreicht, der für junge Menschen nur schwer zu ertragen ist. Alles ist vorgeschrieben: die Größe des eingezäunten Spielplatzes, der Takt der Schulstunden, die Öffnungszeiten des Jugendheims. Alles ist reglementiert: das Computerspiel, der Stadtpark ebenso wie die Verkehrsordnung. Eine Welt aus Beton und Vorschriften steht gegen lebendige Welt-Erfahrung. Und doch ist sie da bei den Kindern, die Sehnsucht nach Lebendigkeit. Diese Sehnsucht ist nicht greifbar, nur diffus spürbar, sie tut weh, drängt hilflos nach Erfüllung... und mutiert nicht selten zur Sucht. Zu kompensierender Sucht. Denn gerade Kompensation ist reichhaltig im Angebot. Immerhin leben wir in einer Warenkultur: "Kauf mich!", schreit es. "Trink mich! Rauch mich! Zieh mich an!" Oder auch: "Spritz mich! Schluck mich! "

Der Psychotherapeut Ekkehard Schiffer (Verfasser des Buches: "Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde", Beltz-Verlag) ist in seiner Klinik mit den genannten Ursprüngen von Sucht konfrontiert: mit einer inneren Leere bei fugendlichen, die auch durch das reichste Warenangebot und den stärksten "Stoff" nicht gefüllt werden kann. Schiffer weiß sehr genau um die zunehmende Unfähigkeit der Kinder zu Ausdruck und Spiel. Seine Kritik wird im Gespräch eindeutig:
"Die Welt des Spielens wird immer mehr entsinnlicht. Die Kinder erleben eine eindimensionale Welt über den Gameboy, über das Videospiel. über den Fernsehschirm. Allenfalls der Sehsinn, der Hörsinn werden beansprucht und vielleicht noch ein wenig der haptische Sinn über die Computermaus, aber alles, was mit Riechen, Schmecken, mit Sensomotorik zu tun hat, alles also, was eine komplette Erfahrung ermöglicht, das wird im Spielen nicht mehr erfahren." Aber ohne ein lebendiges, alle Sinne beanspruchendes Spiel, meint Schiffer, werde die Phantasie schlaff: "Wenn ich den Begriff >Ball< denke und kenne den Ball nur vom Gameboy her, dann ist das ein schlaffes, fades Bild. Wenn ich aber mit dem Ball gebolzt, gesteilert, getobt habe, durch den Matsch gegangen bin, dann habe ich eine ganz andere innere Darstellungsweise dieses Begriffs, als wenn ich ihn nur eindimensional von der Mattscheibe her kenne. Und genau das ist das Entscheidende: Wenn die Phantasie nicht lebendig, vital ist, dann wird das Kind innerlich leer. Und dann braucht es Dröhnungen, um die innere Leere zu überwinden."

Für Ekkehard Schiffer ist es klar: Huckleberry Finn wäre nicht süchtig geworden. - Der wilde Junge spürte keine innere Leere, mußte nicht hilfsweise auf die neuesten Turnschuhe, das schärfste Baseball-Cap, das "coolste" Video abfahren oder die bunteste Pille schlucken.

Heute, im Zeitalter des bis ins Detail normierten Alltags, tut also Prävention not: Es gilt, dem Kind Freiheit, Raum zur Gestaltung der eigenen Phantasie zu geben, statt das Kind lediglich zu "verwalten". Es braucht deshalb mehr als das neueste Spielzeug aus dem Angebot. Denn auch das erfordert lediglich "pädagogisch wertvolle" Leistung, nicht aber Phantasie.

Aus den alten Brettern eine Hütte zimmern. Auf der Straße Hopse spielen. Kastanien sammeln, Figuren bauen. Durch Büsche streifen und die "Wildnis" entdecken... Wie wenig Gelegenheit ist noch dazu! Wie selten wird dazu animiert! Ekkehard Schiffer, der Huckleberry-Finn-Kundige, kann nur zynisch über die Tatsache lächeln, daß es mittlerweile so etwas wie "Erlebnispädagogik" und "Erlebnistherapie" geben muß, um verstörten Kindern wenigstens etwas Raum für die eigene Phantasie, für das Abenteuer zu schaffen. "Man muß sich nur die ursprüngliche Welt des kindlichen Spiels anschauen", sagt Schiffer. "Kinder kommen mit einem Holzklotz aus. Ein Besenstiel ist ein Steckenpferd, ein Schiff oder ein Schwert. Sparsame Mittel, durch sie wird die Phantasie lebendig. Je mehr Mittel ins Spiel gebracht werden, desto mehr wird die Phantasie erschlagen."

Mehr! Mehr!... Haben! Haben!. Darin liegt die Crux: Die gesellschaftliche Logik entwickelt beim Kind den Sinn des "Habens", nicht den Sinn für seine eigenen lebendigen Bedürfnisse. Denn Kauf-Lust und Kauf-Sucht sind Existenzbedingung der Warengesellschaft. Die Folge: das bekannte Elend psychischer Auffälligkeiten, über das Huck Finn nur gestaunt hätte. Der Junge suchte sich das zusammen, was er brauchte. Er fand es einfach: "Einen Becher, ein Hundehalsband, ein paar leere Medizinflaschen, ein Holzbein, an dem die Riemen fehlten."

Die Zeit der wilden, phantasievollen Kindheiten geht mit zunehmender Zivilisierung dem Ende zu: Gerade heute wäre Huck der Typ des verachteten Müßiggängers, er wäre der " Punk" in einer geschäftigen Welt, die ihre Kinder in der Sucht nach Konsum von Waren und Drogen gleichzumachen sucht. Doch kann dieses Ansinnen nie ganz gelingen. Denn sie wird sich trotzdem immer wieder bemerkbar machen, die Sehn-Sucht nach Lebendigkeit...

Schiffer, E.: "Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde.
Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen."
1999 Beltz Verlag, Weinheim.Basel
152 Seiten, Euro 10
ISBN 3-407-22004-9

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