Gehen wir mit Schätzen aller Art ins neue Jahr?

Vom Genuß und von Ersatzbefriedigungen / Konsumwahn birgt für Kinder große Gefahren

Donau-Kurier, Nr. 4, 6./7. Januar 1999
Von Lisa Kaiser

Geschafft! Wieder einmal heil im neuen Jahr gelandet. Wie war das eigentlich diesmal an Weihnachten? Ist die Gratwanderung zwischen Freude, Spannung, Geschenken, Essen und familiären Kontakten so gelungen, daß ich mich nun gut gesättigt und bereichert durch Schätze aller Art ins neue Jahr bewegen kann? Was haben wir unseren Kindern wirklich geboten? Welche Idee von Weihnachten kam wirklich - also wirksam - bei ihnen an?

Feste gibt es in unserem Kulturkreis viele. Bei solchen Anlässen werden Kinder meist beschenkt. Das Problem besteht für manche Eltern in der kaum zu bändigenden Schenkwut der Verwandten. In der einen oder anderen Familie halten sich zuletzt nicht einmal mehr die Eltern zurück. Alle Jahre wieder kommt das Christkind, danach geht es schon schnell auf Ostern zu. Auch bei anderen Familienfesten fällt nicht wenig für die "lieben Kleinen" ab und bei ihren Geburtstagen, zur Erstkommunion und später zur Firmung beziehungsweise zur Konfirmation sowieso. Hinzu kommen Geschenke, die zum Beispiel schwierige Arztbesuche honorieren, Mitbringsel von Verwandten und Freunde bei Besuchen oder von Reisen.

Weihnachten ist unangefochten der jährliche Höhepunkt des ganzjährigen Konsumwahns in Form besonders vieler Geschenke an übersättigte Kinder und Erwachsene. Wertvoll wird oftmals gleichgesetzt mit teuer. Das fängt an bei der Festtagskleidung, geht über ein besonderes Menü, ein speziell ausgetüfteltes Fernsehprogramm bis hin zu Geschenken, die einander übertreffen. Viele. Erwachsene und Kinder erkennen vor lauter Vorbereitungs- und Einkaufsstreß den. wahren Sinn des Christfestes gar nicht mehr; die ursprüngliche Tradition solcher Familienfeste, das gemütliche Beisammensitzen, das Erleben von Gemeinschaft, Zeit füreinander zu haben, miteinander haben, miteinander zu singen und zu spielen, wird zur Nebensache. Sicher, zu einem Fest gehört auch ein gemeinsames Essen, doch das muß nicht opulent sein, damit eine gute Atmosphäre entsteht.

Wer im Deutschen Brockhaus das Stichwort "Konsum" nachschlägt, kann drei Seiten zu diesem Begriff nachlesen. Genannt seien hier nur die wichtigsten Aspekte: das Wort "Konsum" wird vom lateinischen Wort "consumere" abgeleitet, was in etwa "verbrauchen" und "verzehren" bedeutet. Mit "Konsum" wird ein Verbrauch von Sachgütern und Dienstleistungen zur menschlichen Befriedigung von Bedürfnissen beschrieben. Deshalb steht Konsum in unserer Gesellschaft in engem Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Einkommen oder mit Geldmitteln.

Kindlicher Konsum bewegt sich auf einer einfacheren Ebene. Er ist geprägt durch Vorbilder, Werbestrategien und dem Wunsch, bestimmte Gegenstände oder Gefühlszustände zu erreichen. Das Konsumverhalten von Kindern ist von außen beeinflußbar und steuerbar. Kinder und Jugendliche konsumieren auch, um "dazuzugehören" oder dem trendgemäßen Verheilten Gleichaltriger zu entsprechen. Dabei kann kindlicher Konsum ebenso eine Ersatzbefriedigung für nicht erfüllte psychische Bedürfnisse sein.

Wer gibt sich und unseren Kindern noch die Chance, übers Jahr starke Wünsche zu entwickeln, ein Gefühl des Wünschens nach etwas Bestimmtem, dessen Erfüllen ein ebenso tiefes Gefühl der Befriedigung und des Glücks erzeugt? Wer kennt ihn noch, diesen Spannungsbogen der Sehnsucht, der seine Zeit braucht, um sich dann zum Beispiel an Weihnachten oder am Geburtstag in einem großen Glücksgefühl zu vollenden? Wo sind wir angekommen, wenn selbst die materielle Ebene des Glücks kaum noch erreicht wird? Ich will an dieser Stelle noch nicht einmal fragen, warum wir dies tun, sondern lieber gleich, wie man denn wieder auf diese gesündere Ebene des Wünschens und Erfüllens gelangen kann.

Damit sich die Seele wohlfühlt, braucht sie Nahrung, genau wie der Körper. Die Nahrung der Seele sind Eindrücke, Erlebnisse, Erkenntnisse und natürlich Gefühle. Der Weg, über den ein Kind hauptsächlich seine Eindrücke von der Welt empfängt, ist das Spiel. Spielen und Lernen gehören zusammen. Spielen ist ein bewährtes und risikoarmes "Hausmittel" gegen Frust, Öde und Langeweile. Spielfreude ist also ein wichtiger Schutzfaktor gegen Suchtgefährdung. Kreatives Spielen, das die Entwicklung fördert, wird durch ein übergroßes Angebot an Spielsachen eher verhindert oder zumindest gebremst. Hier gilt das Motto: Weniger ist oft mehr. Kinder besitzen die erstaunliche Fähigkeit, aus vielerlei Rohmaterialien Spielsachen herzustellen und neue Spiele zu erfinden. Doch diese Fähigkeit verkümmert, wenn Kindern ständig etwas "Fertiges" (und sei es auch "pädagogisch wertvoll") vorgesetzt wird. Wer sich den Spaß an "Sport - Spiel - Spannung" bis ins Erwachsenenalter erhalten kann, bleibt nach den Erkenntnissen der modernen Verhaltensforschung menschlicher -und wahrscheinlich auch gesünder - als Menschen, für die nur der meßbare Erfolg als Resultat harter Arbeit zählt.

Sicherlich ist Ihnen Huckleberry Finn von den Erzählungen Mark Twains bekannt. Wissen Sie eigentlich, warum eben dieser Huckleberry Finn nicht süchtig wurde? Er konnte etwas mit der Welt anfangen. Fabelhaft: Schwimmen, tauchen, rudern, klettern, schnitzen, raufen, rennen, springen - er erfuhr seine Welt mit all seinen Sinnen und nach seinen Bedürfnissen. Er ging mit Spaß an die Welt heran. Auf diese Weise konnte er auch dann ohne Suchtmittel überleben, wenn er viele Dinge aushalten mußte, die ihm ganz u gar keine Freude bereiteten. mußte sich nicht in eine Sehe weit flüchten. Er hatte keine leere, öde innere Welt ohne lebendige Phantasie, sondern entfaltete seine schöpferischen Kral Deswegen mußten keine Suchtmittel herhalten, um diese innere Öde aufzubessern. Das innere Erleben war immer wieder ( Grund, auf die äußere Welt zugehen, diese auszuprobieren. Somit wurde die Welt mit allen Sinnen erfahren und so in ihrer scheinbaren Banalität zum Abenteuer.

Inspiriert von dem Kinderbuch "Frederick" von Leo Lionni liegt für mich das Glück und die Kunst darin, lustvoll zu überwintern in den kleinen Dingen. Es wird über die Maus Frederick berichtet, die, als der Winter naht, nicht wie alle Feldmäuse Tag und Nacht arbeitet und Körner und Nüsse, Weizen und Stroh sammelt. "Alle arbeiten - bis auf Frederick. Er sammelt Sonnenstrahlen, Farben und Wörter "das sind seine Vorräte für die kalten, grauen und langen Wintertage".

Nur wer im Leben innehält, das Wunder der Schöpfung in sich aufnimmt und als unlöschbar Erinnerung in sich Trägt, ist "mit Farbe im Herzen und Heiterkeit im Gemüt" auch bereit für Neues. Zweifellos birgt eine spezielle Gangart gegen den Strom der Zeit auch die Gefahr, wie die Maus Frederick belächelt oder gar mit Spott bedacht zu werden. Dennoch möchte ich einladen zu ein wenig mehr Aufsässigkeit, zum Abenteuer, zum Tagträumen - mit Rückfahrkarte zur Realität und ihren sogenannten Sachzwängen. Denn nur so ist es möglich, daß die Realität kein Betonklotz bleibt, sondern sich als veränderbar erweist.

Deshalb ein alter, aber bewährter Tip: Schenken wir uns und unseren Kindern gegenseitig Zeit. Ich halte es für sehr wichtig, daß nicht neue Superlative an die Stelle von Supergeschenken treten, sondern daß wir vielmehr ein Gefühl dafür entwickeln, welche Lebensräume uns und unseren Kindern verloren gegangen sind. So fehlen zum Beispiel Kindern eher Naturerfahrungen und Jugendlichen ein Hauch von Abenteuer. Wir können solche Lücken schließen. Statt etwas Fertiges zu kaufen, können wir unsere Kreativität entfalten und einander Zeit und Ideen schenken. Gemeinsame Erlebnisse, wie beispielsweise eine Woche mit den Großeltern auf einer Selbstversorgerhütte lassen sich liebevoll ausgestalten und sind später auch Erinnerungen von unschätzbarem Wert. Überhaupt sollten wir mehr Zeit in Gespräche und gemeinsame Aktivitäteninvestieren. Wer mit seinen Kindern durch Gespräche "in Kontankt" bleibt, kann sich sicher sein, auch in schwierigen Zeiten Zugang zu ihnen zu finden.

Um nicht mißverstanden zu werden: Es geht nicht um Askese. Der Spaß am Neuen und daran, sich etwas zu gönnen, sind ein Genuß, und der gehört zum Leben unbedingt dazu. Mir geht es um Auswege aus dem "Konsumterror", um Vorbeugung gegen Konsumsucht, gegen eine Unersättlichkeit und den überhöhten Anspruch, gefühlsmäßigen "Hunger" durch den Erwerb von Sachen zu sättigen. Es geht darum, daß Probleme nicht durch Ersatzbefriedigungen "gelöst" werden ("Immer, wenn ich etwas Süßes esse, bin ich nicht mehr so traurig") oder scheinbare Lösungen herbeigeführt werden ("Wenn ich ein bißchen getrunken habe, sieht die Welt ganz anders aus, dann traue ich mich richtig").

Sie können eine Menge dafür tun, daß in Ihrer Familie das "Haben" nicht zum nervenzehrenden Dauerthema wird. Dazu nocheinige praktische Tips:

  • Überprüfen Sie Ihre eigenen Ansprüche und Ihr eigenes Konsumverhalten: Wo lassen Sie sich am ehesten von der Werbung verführen oder geraten unter "Kaufzwang"? Wann tätigen Sie "Frustkäufe"?
  • Überlegen Sie im Umgang mit Ihren Kindern, wann der Konsum zum Ersatz für etwas ganz anderes wird: Süßigkeiten statt Zuwendung? Abenteuerseriell statt wirklicher Abenteuer?
  • Gehen Sie Konflikten nicht dadurch aus dem Weg, daß Sie jeden Kinderwunsch von den Augen ablesen. Geben Sie nicht vorschnell nach. Bieten Sie nach Möglichkeit Alternativen zum schnellen Konsum an.

Schiffer, E.: "Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde.
Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen."
1999 Beltz Verlag, Weinheim.Basel
152 Seiten, Euro 10
ISBN 3-407-22004-9

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