In meinem Leib zu Hause

Eine Schatzsuche: Eckhard Schiffer beschreibt, wie Gesundheit entsteht
Süddeutsche Zeitung vom 16.6.01
Von ASTRID VON FRIESEN

Warum bin ich eigentlich gesund?"
Eine Frage, die sich fast niemand stellt, weil Gesundheit "gewissermaßen unsichtbar und lautlos" ist, erst das Wehwehchen Lärm macht. Für solch einen nicht messbaren, schwer zu definierenden, subjektiven Zustand von Wohlbefinden und Gesundheit interessiert sich (naturgemäß?) fast kein Wissenschaftler, die Mediziner als Fehlerfachleute schon gar nicht. Weswegen unser Wissen darüber, was gesund erhält - zu unterscheiden von der Prävention, die auf Vermeidung (Rauchen) und Entschärfung (Impfung) abzielt -, auch höchst unzureichend ist.

Eckhard Schiffer, Analytiker und Arzt sowie Autor des Klassikers zur Suchtprävention "Warum Huckleherry Finn nicht süchtig wurde", lehnt sich an das Kohärenzmodell der Salutogenese von Aaron Antonovsky an. Kohärenz ist das Gefühl, "innerlich zusammengehalten zu werden, nicht zu zerbrechen und auch in äußeren Anbindungen Unterstützung und Halt zu finden". Um dieses Gefühl in der Kindheit zu entwickeln, so dass es dann in Krisen und Krankheitszuständen abgerufen werden kann, sind drei Momente wichtig.

Die Welt muss uns verständlich, sie muss für uns erklärbar sein. Zudem muss der Mensch Zugang zu inneren und äußeren Ressourcen oder Kraftquellen entwickelt haben, damit ihm seine Lebensaufgabe handhabbar erscheint. Und drittens muss das Leben als sinnhaft erfahren werden. Sind diese drei Aspekte als Kohärenzgefühl ausgebildet, dann können wir bedrohlichen Situationen, Stress und Schicksalsschlägen positiv begegnen, wir nehmen sie als Herausforderungen an und zerbrechen nicht daran.

Kinder erobern sich ein Kohärenzgefühl durch das Spiel: "Spielend, barfuß mit Bollerwagen" werden Sinnes- und Gefühlserlebnisse zu affektu-sensorischen Erfahrungen und bilden innere Bilder und Fantasien auf unserer Leinwand im Kopf. Diese Spiel- und Fantasiefähigkeit, die immer gekoppelt ist an eigene körperliche Sinneserlebnisse (nicht an die über Medien nur "gesehenen") ermöglicht den lernenden Umgang mit kleinen Stresssituationen, verhindert Starrsinn. "Ich bin dann in meinem Leib ,zu Hause', muss ihn nicht traktieren, martern, piercen oder ständig ängstlich beobachten. Und ich bin auch dann noch in mir zu Hause, wenn die Gelenke nicht mehr so beweglich sind und das Gehör nicht mehr so gut wie im Jugendalter ist."

Schiffer benutzt den Begriff play - im Gegensatz zu match, bei dem es um Sieg oder Niederlage geht. Neben das selbstvergessene play tritt das fair play - das Spiel mit den anderen. Trotz Auseinandersetzungen und Raufereien bietet eine gute Gruppe Halt, Bindung, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und bildet die Grundlage des Dialoges. Schiffer beruft sich auf den Philosophen Martin Buber, denn erst im Dialog wird der "Mensch am Du zum Ich" - und keineswegs durch die endlosen Monologe der Medien!

Wie das Kohärenzgefühl bildet auch die Identität sich ausschließlich im Dialog und in der körperlichen Erfahrung von Welt. das heißt für Kinder im Spiel so dass ihre kleine Welt verstehbar, handhabbar und sinnhaft erscheint, sich nich zerfleddert in Ex-und-Hopp-Beziehungen, in der virtuellen Medienflut, in Bindungslosigkeit und Sinnverlust.

An einem simplen Beispiel mach Schiffer deutlich, wie gesundheitsfördemdes Verhalten aussehen kann, nämlich durch das Vorlesen von Geschichten für (kranke) Kinder: Eine behütete Station, Nähe und Kontakt, die Eröffnung eines gemeinsamen Fantasieraums und die spielerische Bewältigung der Welt, der sich anschließende Dialog und die Entstehung von Sinnhaftigkeit durch das Erzählen. Auch die Einfühlung in andere wird dadurch gelernt und emotional ermöglicht. Dabei fügt sich Äußeres und Inneres zusammen, (körperliche) Entspannung und Selbst-Bewusstsein entsteht jenseits von Siegermentalität, Leistungsdruck und Fitnessideologie, von Abgrenzungen und Vereinsamung. Dies wäre der innere, abrufbare Schatz, diese Stärke und eigene Möglichkeit der Lebensbewältigung, der gesund erhält und gesund macht, jenseits der medizinischen "Fehlerfahndung".

Schiffer, E.: "Wie Gesundheit entsteht"
2001 Beltz Verlag, Weinheim.Basel
254 Seiten, Euro 13
ISBN 3-407-22090-1

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