Wie Gesundheit entsteht

 Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung

 Ursula Stahlbusch in: bvvp-Magazin 4-04 Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten
 Nicht brandneu, aber sehr aktuell: Der Autor hat wohl schon vor drei Jahren den heutigen gesellschaftlichen Umbruch geahnt:
 Vor dem Hintergrund unserer globalisierten Welt und deren Gefahren betont er die Bedeutung des Dialogs, des Zwischenraums im Gespräch als intermediären Möglichkeitsraum, in dem sich das Kohärenzgefühl entfalten und uns zum Schatz Gesundheit führen könne. Er unterscheidet "match" (hier wird der andere ausgeschaltet) von "play": "Fairplay führe zu verantworteter Autonomie. In unserer postmodernen Gesellschaft sieht er dieses fairplay zunehmend verdrängt durch Konkurrenzdenken; fehlende Bindungserfahrung führt zu Mobbing; survival of the fittest ist angesagt. Im Verdrängungswettbewerb gilt: The winner takes it all - auf Kosten einer großen Zahl von Verlierern.
 Der Autor bezieht sich auf den amerikanischen Gesellschaftswissenschaftler Sennett (Der flexible Mensch, 1998): In der metaphysischen Obdachlosigkeit unserer Zeit erfahren wir unsere Lebenszeit immer zusammenhangloser. Diese Aufsplitterung der Lebensgeschichte mit Verlust an Bindungserfahrung und schwindendem Sinn stellt unsere Identität in Frage; an Stelle von Kohärenzgefühl tritt das Gefühl des Auseinanderfallens und der Verlust der Sinnhaftigkeit, der Mensch wird krank. "Wenn Sennetts Diagnose stimmt", so der Autor, "ist die Zivilisation insgesamt gefährdet". Veränderte Strukturen in Schule, Kindergarten und im Arbeitsbereich müssten der "Zersplitterungswirkung des gegenwärtigen Kapitalismus" eine "stärkere Verwurzelung im Wir", Konfliktfähigkeit und dialogisches fairplay entgegensetzen. In der veränderten Kraft des Dialogs sieht der Autor die "Chance für eine korrosionsbeständigere Verankerung des fairplay im Selbstwertgefühl". Wenn gesunder Menschenverstand mit einem Stück Gemeinsinn einhergehe, könne fairplay dem scheinbar alles überflutenden Mainstream "globalisierter Konkurrenz" entgegenwirken. Fairpaly im Dialog bedeute das anerkennende Wahrnehmen des Du, das die eigene Identität und die des anderen festige.
 Das Erzählen der Lebensgeschichte und deren Neubewertung sei - nicht nur in der therapeutischen Beziehung - bedeutsam: Ereignisse, in die wir verwickelt sind, können im Wissen um unsere Verletzlichkeit und Endlichkeit, aber auch im Hinblick auf unsere Ressourcen neu erlebt werden. Erzählend können wir vom erleidenden Objekt zu selbst gestaltenden Subjekt werden. Im Innehalten, in der Pause findet das Gegenüber Raum, kann sich Kohärenzgefühl entfalten. Am Beispiel von Tausendundeine Nacht zeigt der Autor, wie in erzählten Geschichten Kränkungen, Brüche und Gefährdung der Identität in einen verstehbaren Sinnzusammenhang eingebunden werden; er zeigt auf, wie heilende innere Bilder auftauchen, Beziehungsbrücken zwischen Erzähler und Zuhörer und auch innerseelisch zwischen Gefühl und Sprache entstehen, wie Ambivalenz integriert werden kann, wie Gespenster weniger gefährlich werden, wenn sie benennbar ihren Platz in unserer Lebensgeschichte finden.
 Die Sinnfrage in ihrer letzten Konsequenz ist immer auch verbunden mit Tod und Sterben. Camus und Frankl setzen der Verleugnung des Sterbens die Würde des Menschen entgegen, die sie ihr Dasein auch im Leiden bejahen lässt. Geht es um Antwort auf die Frage, warum und wozu ich lebe, werde es für die medizinische Wissenschaft schwierig. Sinn lässt sich nicht verifizieren, evaluieren, er entzieht sich Richtlinien- und Qualitätskontrolle und lässt sich schon gar nicht verordnen. Sinn ergebe sich aus dem existentiellen Wagnis eines jeden einzelnen Menschen für ihn selbst. Die dazu nötige Dialogfähigkeit gilt es, im therapeutischen Raum einzuüben und zu fördern.
 

Schiffer, E.: "Wie Gesundheit entsteht"
 2001 Beltz Verlag, Weinheim.Basel 
 254 Seiten, Euro 13
 ISBN 3-407-22090-1

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